Sprechstunde bei Dr. Plenk

17. Nov. 2010 | 4 Kommentare

Wir schreiben die 85. Minute im Spiel Drollenburg gegen Wackenbach. Wackenbachs Stürmer Prycziak ist gerade beim Stand von 0:0 im Strafraum zu Boden gegangen. Schiedsrichter Dr. Martin Plenk (im wahren Leben macht er in Zähnen) zeigt auf den Elfmeterpunkt. Die Drollenburger Spieler bestürmen ihn – es sind sechs, vielleicht sogar sieben an der Zahl. Völlig überraschend sind auch das Publikum sowie die Drollenburger Bank mit der Entscheidung nicht einverstanden. Angesichts dieser Empörung überdenkt Dr. Plenk seine Entscheidung und ruft Prycziak zu sich.

“Hand auf’s Herz: War’s ein Foul oder ham’se mich geleimt?”

“Also ich denke schon, dass es ein Foul war. Da bin ich mir fast sicher…”

“Fast? Was denn jetzt? Foul oder kein Foul?”

“Naja, also ehrlich gesagt hätte ich schon weiterlaufen können – irgendwie.”

“Also kein Elfmeter. Weiter geht’s mit einem Abstoß!”

“Aber dann müssen’se auch den Müller von Drollenburg fragen, ob der mich vor ein paar Minuten bei der Ecke geklammert hat!”

Schiedsrichter Dr. Plenk ruft Drollenburgs Abwehrspieler Müller zu sich.

“Was war da beim Eckstoß? Ham’se n’bisschen geklammert, was!”

“Öhhh … also sein Trikot hat meine Hand schon berührt.”

“Und weiter..?”

“Vielleicht hat sich die Hand auch geschlossen. Für’ne Sekunde oder so…”

“Und weiter..?”

“OK, es waren fünf Sekunden. Und gezogen habe ich auch. Ich geb’s zu.”

“Alles klar. In der 80. Minute gibt’s einen Elfer für Wackenbach!”

“Nee, nee, Herr Plenk. Da müssen’se erstmal den Wackenbach-Chinesen fragen. Der hat einen falschen Einwurf gemacht. Und keine Viertelstunde später gab’s die Ecke, bei der ich geklammert habe.”

Plenk ruft Wackenbachs chinesischen Neuzugang Yu Te Tsang zu sich.

“Na, was war mit dem Einwurf? Nicht genau über dem Kopf, was?”

“Kohbf, ja ja. Koohbf, ja. Yu Te Kohbf, jaaa.”

Tsang deutet hektisch auf seinen Kopf. Er befürchtet, eines Handspiels in der ersten Halbzeit bezichtigt zu werden. Dr. Plenk ist genervt.

“When you make in-throw. Was it good throw? Or ugly throw?”

Die ersten Zuschauer haben das Stadion verlassen. Sie ahnen, wie es weitergeht, da bereits mehrere Spieler beider Teams bereitstehen, um unter anderem die Frage zu klären, ob es in der ersten Halbzeit mehrere Ballkontakte eines Drollenburger Spielers mit heruntergerollten Stutzen gegeben hat. Dr. Plenk ist bekannt dafür, auf derartige Beschwerden immer sehr ausgewogen und gerecht zu reagieren und seine Entscheidungen zu überdenken. Zumal es ja mehr als sechs, wahrscheinlich sogar sieben Spieler sind, die den Verstoß anzeigen.

Das Spiel wird schließlich annuliert. Dr. Plenk konnte nicht endgültig klären, ob Drollenburgs Sturm-Urgestein Ben Prenzl den Anstoß tatsächlich mit einer vollen Ballumdrehung ausgeführt hat. Plenk pfeift in der 187. Minute – noch vor Ausführung des ohnehin zurückgenommenen Elfmeters – ab. Prenzl selbst hatte bis zum Schluss versichert, nicht mehr genau zu wissen, wie er den Ball beim Anstoß gespielt habe.

Am nächsten Morgen ist der Anstoß natürlich das zentrale Thema im “Doppelpass”. Nach einer halben Stunde, diversen Kameraeinstellungen, Computeranimationen und hasserfüllten Zuschaueranrufen in diversen Mundarten ist Prenzl der Lüge zu 97 % überführt. Udo Lattek ist sich sicher, dass ein derart verkommener Spieler bei Bayern, Barcelona oder in Dortmund, die er dereinst zum Meister gemacht hat, nie wieder ein Spiel absolvieren würde. Er sieht klare Anzeichen für Neid und Missgunst innerhalb der heutigen Fußballergeneration.

“Ich wäre zum Präsidenten gegangen und der hätte gesagt: ‘Udo’, hätte er gesagt, ‘Udo, Udo’ hätte er gesagt. ‘Udo…’ Er durfte mich ja Udo nennen. Ich habe ihn ja auch Erw…., ach nee, den habe ich immer ‘Präsident’ genannt. Aber den anderen, den habe ich geduzt, fast immer. Den kenne ich ja auch schon so lange. Ich bin ja schon ewig dabei. Auf jeden Fall hätte der Präsident gesagt: ‘Udo’, hätte er gesagt, ‘Udo’…”

Das Publikum kann angesichts der raffinierten Analyse des Geschehens den begeisterten Applaus nicht mehr zurückhalten, klatscht sich den Rest des Verstandes aus dem Leib, beendet damit Latteks Ausführungen und stopft Geldbeträge zwischen 2,34 und 5,81 Euro ins Phrasenschwein. Alle Spender werden namentlich genannt.

Gastexperte Thomas Strunz wird um seine Meinung gebeten. Strunz lacht, als sein Name genannt wird. Dann ledert er los. Er ist ob der Unsportlichkeit Prenzls entsetzt und fordert harte Strafen. Mit Erfolg. Der DFB sperrt den Missetäter für fünf Partien. Es wird ihm eine Lehre sein.

(…)

Die Forderung, dass ein Schiedsrichter den Spieler nach einer strittigen Entscheidung doch einfach befragen und ihn bei der Ehre packen solle, kommt immer dann, wenn Experten, die gegen den Videobeweis sind (“So was macht das Spiel kaputt”), eine Ungerechtigkeit anprangern. Zuletzt ereiferte sich Thomas Strunz am Montag auf Sport1 mit dieser Forderung, als er Klaas-Jan Huntelaars Handspiel vor dem 2:2 in Wolfsburg geißelte. Strunz wörtlich: “Wenn sich sechs oder sieben Spieler derart vehement beschweren, dann muss der Schiedsrichter sich überdenken und den Spieler befragen.”

Ich halte von derartigen Forderungen nach einer Spielerbefragung mit nachgeschalteter Selbstanzeige überhaupt nichts. Das vorangestellte fiktive Szenario ist dafür nur ein Grund von vielen.

Abgelegt unter Fußball allgemein

4 Kommentare zu “Sprechstunde bei Dr. Plenk”

  1. derwahrebaresiam 17. November 2010 um 08:03 1

    gibt es belege für derartige aussagen seitens strunz , bspw. nach dem abseits tor von klose im spiel bayern vs. florenz ?
    ich entsinne mich, dass seinerzeit mindestens die hälfte der italienischen truppe den schiri bestürmte. :-)

  2. Philam 17. November 2010 um 12:08 2

    Gerade die Verknüpfung der Aussagen über sich vehement beschwerende Spieler mit dem Ergebnis eines sich überdenkenden Schiedsrichters sind doch der absolute Wahnsinn. So was kann doch keiner ernst meinen. Die Folge wären Schiedsrichter, die nach jeder strittigen Entscheidung von einem wilden Mob über den Platz gejagt würden. Bescheuert.

  3. Corneliaam 18. November 2010 um 01:01 3

    Dein Beispiel ist natürlich total überzogen. Aber ich halte dennoch nix davon die Spieler zu fragen. Da könnte man ja gleich ohne Schiri spielen. Was ist denn wenn ein Schiri einen Fehler macht? Dürfen dann die Spieler auch fragen oder gibt es dann nicht eine rote Karte wg. Beleidigung???

  4. Carlitoam 18. November 2010 um 20:17 4

    Und seien wir doch mal ehrlich, würde der Spieler denn im Falle dessen, dass wenn er die Wahrheit sagt, dies aber den Abstieg des Clubs oder das Nichterreichen der CL bedeutet, wirklich die Wahrheit sagen?

    Und wenn er es täte, wie würde/würden wohl der Verein, die Angestellten des Vereins, die Fans reagieren?!?

    Und würde nicht in eben solch einer Situation genau derselbe Herr Strunz sagen: “Wie kann der Spieler nur!?!”

    btw: netter Text! ;)

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