… aber wir dürfen doch nicht mehr mit Dose!

30. Nov. 2005 | Keine Kommentare

Gestern war es endlich soweit. Gestern hat auch für mich die heilige Weihnachtszeit begonnen. Gestern stand er vor der Tür, der Premierengast. Der erste durch und durch wohltätige Spendensammler des Jahres und der Weihnachtszeit 2005. Diesmal war es die Johanniter-Unfall-Hilfe, die in voller Uniform und ganz und gar beseelt von der stillen Zeit an meine Pforte klopfte. Erfahrungsgemäß folgen jetzt in den nächsten Wochen die Malteser, dann der Arbeiter-Samariter-Bund und – ganz und gar Pokerface erst wenige Tage vor dem Fest – auch die Platzhirschen vom Roten Kreuz. Es folgt an dieser Stelle eine Polemik aus gegebenem Anlass.

Liebe Johanniter, Malteser, ASB’ler und Rot-Kreuz-Träger,

mit diesem Brief möchte ich euch mitteilen, warum ich nicht im Traum daran denke, euren Organisationen im Rahmen der alljährlichen Weihnachts-Sammelaktionen an der Haustür auch nur einen müden Cent zu überlassen. Ich möchte euch des Weiteren erklären, warum ich euer Gehabe als unverschämt, belästigend und in hohem Maße unseriös erachte. Das alles werde ich tun, damit ihr beim nächsten mal versteht, warum ich – sobald ich einen eurer Hansels vor meiner Schwelle stehen sehe – die Haustür kommentarlos schließen werde. Nehmt euch ein wenig Zeit, lest diesen Brief, versucht zu reflektieren und versteht dann, dass ich kein “böser Mensch” bin, der die Wohltätigkeit mit Füßen tritt, sondern jemand, der sich schlichtweg nicht verarschen lassen möchte. Erst recht nicht von Leuten wie euch, die ihr die Mildtätigkeit gepachtet habt.

Es ist ja nicht so, dass ich nicht jedem von euch fünf Euro in die Hand bzw. in die Dose stecken würde. Im Gegenteil. Gegen das altmodische Spendensammel-Modell habe ich gar nichts: Einer klingelt, ein anderer macht auf, der eine wackelt mit einer Spendendose, der andere steckt was rein. Fertig! So einfach kann das sein. Also her mit der Sammelbüchse. Lasst uns die Sache wie Männer aus der Welt schaffen und danach jeder seine Wege gehen!

Wie? Ihr habt gar keine Dose mehr? Ihr macht so etwas nicht mehr? Ihr dürft so etwas gar nicht mehr machen? Mmmh… dann würde ich auch mit einem Sammelbeutel Vorlieb nehmen. Ich bin ja nicht so. Was? Bargeld nehmt ihr überhaupt nicht mehr an? Soll ich mal im Keller nachschauen, ob ich noch ein paar Schuhe und Decken habe, oder was? Oder akzeptiert Ihr – schöne neue Welt – jetzt auch Kreditkarten? Ach? Es geht euch gar nicht darum, meine Wohnung mit einem gewissen direkten finanziellen oder materiellen Mehrwert zu verlassen? Ich gebe zu: Das macht die Sache für mich irgendwie interessant. Erklärt mal!

Ja, das finde ich auch schlimm, dass früher immer wieder als Sammler verkleidete Ganoven an der Haustür Kleingeld von überrumpelten Muttis abgezogen haben. Ja, ich finde auch, dass so etwas nicht sein darf. Da muss man in der Tat etwas gegen machen. Was habt ihr denn so ausgeheckt, um den Ganoven das Handwerk zu legen? Fälschungssichere Sammler-Ausweise vielleicht?

Ihr nehmt jetzt nur noch Überweisungen! Ach so! Da hätte ich auch selbst drauf kommen können. Also dann reich’ mir mal den ausgefüllten Überweisungsträger rüber. Ich trage da meine Kontodaten und die fünf Euro ein, die ich bereit bin, an der Haustür zu spenden. Nee, nee – das ist wirklich kein Problem für mich.

Was? Für euch ist das ein Problem? Aus steuerrechtlichen und finanzbuchhalterischen Gründen ist es euch lieber, wenn man eine Spende auf ein Jahr streckt, quasi monatlich aufsplittet? Leute! Ihr erwartet doch jetzt nicht ernsthaft von mir, dass ich zwölf Überweisungsträger mit jeweils 42 Cent ausstelle und schön verteilt über die Monate des Jahres datiere!?!

Ach nein, das erwartet ihr ja doch nicht. Eine Dauerüberweisung? Ja davon habe ich gehört. Na dann lasst uns doch mal eine Dauerüberweisung mit einem monatlichen Betrag von 42 Cent machen. Auf diese Weise kann ich meine fünf Euro natürlich auch loswerden. Und wenn es euch glücklich macht: Um so besser!

Ob ich schon einmal davon gehört habe, dass auch mildtätige Organisationen Verwaltungskosten haben? Natürlich habe ich das! Irgendwer muss euch doch z. B. eure schmucken Phantasie-Uniformen kaufen. Dafür habe ich Verständnis. Und weiter…? Ach so! Aufgrund der Verwaltungskosten dürft ihr keine Dauerüberweisungen annehmen, die auf 42 Cent lauten. Naja, das ist wirklich Pech! Und nun?

Ab fünf Euro im Monat dürft ihr dann doch wieder Dauerüberweisungen annehmen! Ich verstehe! Ihr steht jetzt tatsächlich vor meiner Tür und wollt schlappe 60 Euro von mir haben? Wieso 60 Euro? Weil fünf Euro im Monat 60 Euro im Jahr sind! Und dann noch als Dauerauftrag! Als Dauerauftrag, der sich automatisch immer um ein Jahr verlängert, wenn ich ihn nicht innerhalb einer nicht weiter definierten Frist kündige! Nehmt mir die Frage bitte nicht übel, aber ihr zieht doch falsch Luft, oder?

Es ist mir total egal, dass da vorne eine Frau wohnt, die das mit der Dauerüberweisung gemacht hat. Ja ja, die hat sogar zehn Euro im Monat eingetragen. Schön blöd, die Tussi! Meinetwegen. Ich bin ein freier Mensch und sage euch: 60 Euro im Jahr mal eben so als Haustürspende abzudrücken ist einfach zu heftig für mich.

Jetzt holt ihr zum letzten Gefecht aus. Ob ich denn wüsste, wie viel fünf Euro im Monat heruntergebrochen auf einen Tag sind. Ja, das weiß ich: knapp 17 Cent!

Nein, 17 Cent sind wirklich nicht viel, die könnte ich entbehren. So ehrlich muss man sein. Also her mit der Spendendose, ich steck dir jetzt mal 17 Cent rein. Entschuldigung, ich vergaß: Ihr dürft ja nicht mehr mit Dosen. Gegenfrage: Wisst ihr, wie viel Tage ein Jahr hat? Und wenn wir jetzt diese Tage mit 17 Cent multiplizieren, wo landen wir dann? Bei etwa 60 Euro! Das ist ja mal eine Überraschung. Ich glaube, im Laufe unserer Unterhaltung ist diese Summe schon mal gefallen.

Kurzum: Spart euch eure Besuche bei mir. Ich bin durchaus ein spendenfreudiger Mensch, ich hätte euch ja auch gerne die fünf Euro in die Dose oder in die Hand gedrückt. Es tut mir leid, dass es Ganoven gibt, die ebenfalls Spenden sammeln. Und es tut mir auch leid, dass ihr eure Spenden auf ein Jahr strecken müsst. Und erst recht tut es mir leid, dass aufgrund der Verwaltungskosten ein Dauerauftrag auf mindestens fünf Euro im Monat lauten muss. Aber das alles ändert nichts daran, dass ich mir nicht an der Haustür innerhalb eines dreiminütigen Gespräches satte 60 Euro abknöpfen lasse.

Ganz ehrlich: Da sind mir die Ganoven mit ihren selbstgebastelten Spendendosen lieber. Die wissen den Wert von Bargeld wenigstens noch zu schätzen.

Frohe Weihnachten

Euer Matthias

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