Warum ich will, dass Schalke heute verliert

08. Nov. 2006 | Ein Kommentar

Wer mich kennt, der weiß, dass ich ein Schalkefan bin. Ich war bereits Schalkefan in den 80ern, als ich als kleiner Knabe meine ersten Spiele alleine im Parkstadion gesehen habe. Ich war Schalkefan, als Schalke Ende der 80er mal wieder abstieg. Ich war Schalkefan, als die Knappen beinahe in die Oberliga abgestürzt wären und ein Spiel bei Union Solingen der letzte rettende Strohhalm war. Ich war Schalkefan, als Youri Mulder mit seinem 1:0 gegen den BVB den ersten Derby-Sieg seit Menschengedenken ermöglichte. Ich war Schalkefan, als Jörg Berger saunierte und ich war – natürlich – Schalkefan, als ich im Jahr 1997 gen Mailand reiste, um den schönsten Augenblick meiner Existenz zu erleben. Auch heute bin ich Schalkefan. In meiner Selbstdefinition folgte Schalkefan unmittelbar nach “Zwei Arme, zwei Beine, ein Kopf, ein Mensch…” Wer mich kennt, der weiß das. Eben weil ich Schalkefan mit Haut und Haaren bin, wünsche ich mir heute abend eine wirklich deftige Niederlage in Mönchengladbach.

Ja, das ist in der Tat ungewöhnlich, aber ich bin nicht der einzige, der so denkt. Im Prinzip denken fast alle Schalkefans in meinem Umfeld so wie ich. Nur wagt keiner es, es so hart zu formulieren. Das ist vielleicht der Fehler, das ist die berühmte Schere im Kopf. Man will als Schalkefan nicht schon wieder dastehen als der ungebildete Mob, der bei jeder kleinen Krise sofort den “Kopf der Trainers” fordert. Nein, den Kopf von Mirko Slomka fordere ich auch gar nicht. Was sollte ich damit? Er braucht ihn dringender als ich. Aber ich fordere mit Nachdruck seine Entlassung aus dem Amt des Cheftrainers.

Darf ich mir so etwas überhaupt anmaßen? Ich weiß es nicht! Wahrscheinlich eher nicht. Eigentlich ist es unfair darauf zu hoffen, dass ein netter Mensch in naher Zukunft seinen Arbeitsplatz verliert. So etwas macht man einfach nicht. Aber ich bin Schalkefan. Ich sehe, wie sich der Verein seit einem Jahr konstant zurückentwickelt. Erst langsam, nun immer schneller. Wenn nichts geschieht, wird der Zug bald so sehr an Fahrt aufgenommen haben, dass man ihn nicht mehr stoppen kann. Mit der Achse “Rost – Bordon – Lincoln” wollte Slomka um die Meisterschaft spielen, die “Totale Dominanz” ausüben. Rost degradiert, Bordon angeschlagen weil überspielt, Lincoln formschwach und divatös – viel ist nach gut drei Monaten nicht von den vollmundigen Ankündigungen übrig geblieben.

Hinzu kommen die ständig gleichen Lippenbekenntnisse, wahlweise von Trainer, Manager oder Spielern: “Wir wissen es auch nicht, wir haben uns etwas ganz anderes vorgenommen, wir können es nur nicht umsetzen.” Was außer “Der Trainer erreicht die Mannschaft nicht” sollen diese sich ständig wiederholenden Sprüche eigentlich ausdrücken?

Muss Schalke erfolgreich sein, um von seinen Fans geliebt zu werden? Nein! Die Frage müsste eher lauten, darf Schalke erfolgreich sein, um von seinen Fans geliebt zu werden! Natürlich wünsche ich mir ein erfolgreiches Schalke. Ich will Siege sehen, ich will um die Meisterschaft mitspielen. Aber nicht um jeden Preis. Schalke ist nicht verdammt dazu, erfolgreich zu sein. Schalke muss Schalke sein. Ist es zur Zeit aber nicht.

Die Kluft zwischen Vereinsführung, Mannschaft und Fans ist derzeit so groß wie noch nie. Als Schalke Anfang der 80er zum ersten mal abstieg, sendete das Fernsehen Bilder eines bitterlich heulenden Fans, der von Charly Neumann in den Arm genommen und getröstet wurde: “Wird ja alles gut, wir kommen wieder, wir schaffen das…” Würde ich heute weinen? Würde ich mich von jemanden aus dem Verein trösten lassen? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass das derzeit nicht das Schalke ist, das ich nahezu Zeit meines Lebens geliebt und gelebt habe.

Es ist nicht richtig, alles an der Person Mirko Slomka festzumachen. Aber er hat einen entscheidenden Anteil an der derzeitigen Lage. Er schmückt sich öffentlich mit einem vierten Tabellenplatz, der allerdings wie ein Abstiegsplatz müffelt. Er merkt nicht, dass er auf einem Pulverfass sitzt, spricht stattdessen von “rauen Winden” die eventuell irgendwann zum “Sturm” werden könnten. Er kennt Schalke nicht. Er weiß nicht, dass das geringste, was er zu befürchten hat, ein lächerlicher “Sturm” ist. Er kann es nicht wissen – er ist eben kein Schalker. Er ist ein Angestellter, bezahlt von den Geldern der Fans. Eben diese Fans flüchten sich derzeit in Fatalismus. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie aus der Lethargie erwachen. Vielleicht sogar schon heute abend, wenn Schalke in Mönchengladbach verloren hat. Dann werden die Emotionen aufbrechen, dann wird es zu einer Verhärtung der Fronten kommen, dann wird die ganze Sache eine Eigendynamik entwickeln, die weder Slomka, noch Müller, noch die Mannschaft, noch die Fans abschätzen können.

Es wird der Tag kommen, an dem wir Fans uns unseren Verein wieder zurückholen werden, weil er ein Teil unseres Lebens ist und wir ohne ihn nicht leben wollen. Es wird der Tag kommen, an dem ich wieder stolz auf Schalke sein kann. Die Frage ist nur, wie dies geschehen wird. Muss erst alles zerstört werden, damit etwas Neues entstehen kann? Und wenn’s so wäre – auch gut.

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Ein Kommentar zu “Warum ich will, dass Schalke heute verliert”

  1. ミュゼプラチナム店舗予約am 13. Juni 2017 um 08:44 1

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