EM-Tagebuch: Tote Hose in Klagenfurt

12. Jun. 2008 | Keine Kommentare

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Mittwoch, Spieltag in der Schweiz, mal schauen was in Klagenfurt dennoch los ist. Um es gleich vorweg zu nehmen: So gut wie gar nichts. Die EM droht an Kärnten komplett vorbeizulaufen. Die örtlichen Medien hatten sich im Vorfeld des Turniers alle Mühe gegeben, EM-Panik zu verbreiten. Vor marodierenden Fan-Horden, die die Innenstadt verwüsten, Polzeihunde massakrieren, Frauen verschleppen (alles leider kein Scherz) wurde immer und immer wieder gewarnt. Eine Zeitung forderte die Klagenfurter sogar auf, über die Zeit der WM die Kinder in sichere Gebiete irgendwo auf dem platten Land zu evakuieren. Die Stadt hatte vorab sogar eine “Koordinierungsstelle für geschändete Frauen” eingerichtet. Und nun haben die Klagenfurter die Quittung für die geschürte Panik erhalten: Wenn kein Spiel ist, ist Klagenfurt tot, präsentiert sich statt als “Host-City” wie eine “Ghost-City”. Diesselben Zeitungen, die für die leere Innenstadt gesorgt haben, rudern nun kräftig zurück und beginnen in reißerischen Leitartikeln die Bevölkerung als Angsthasen zu beschimpfen, die sich ihre eigene EM kaputt machen. Soll das verstehen, wer will.

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Ein Klick auf diesen abfotografierten Bericht lässt ihn in voller Größe erscheinen. Er handelt davon, dass sich in Klagenfurt mittlerweile einige Frauen freiwillig in die Psychatrie des Landesklinikums haben einweisen lassen, weil sie mit der Angst, von Fußballfans vergewaltigt zu werden, nicht mehr leben konnten.

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Gähnende Leere vor der mobilen Fanbotschaft der deutschen Fanprojekte.

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Diese Jungs waren allerdings wirklich witzig und sorgten für das Highlight des Tages: Irgendeine amerikanisch inspirierte Sekte wanderte durch die Stadt und sang (natürlich auf englisch) irgendwelche christlichen Lieder. Die beiden Polizisten, die offensichtlich zum Schutz dieser “Missionare” eingeteilt waren, mussten sich alle Mühe geben, nicht in Gelächter auszubrechen.

Zurück zum Thema “Tote Hose in Klagenfurt”: Mittlerweile hat es auch einen offenen Brief des Bürgermeisters gegeben, in dem die Bewohner aufgefordert werden, doch bitte in die Innenstadt zu kommen. Es könne ja nicht angehen, dass nur die deutschen, polnischen und kroatischen Fans Stimmung verbreiten und die Kärntner Bevölkerung gar nicht am Ereignis teilnimmt. Die Wirte, die sich zum Teil enorm verschuldet hatten, um während der EM auf der Fanmeile Verpflegungsstände aufzubauen, erhalten als erste Hilfsmaßnahme die Standpacht um die Hälfte erlassen – es werden dennoch einige Gastronomen nach der EM in dickste finanzielle Schwierigkeiten kommen, das steht jetzt schon fest.

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Eine Brass-Band aus Deutschland war die Attraktion auf dem zentralen Fan-Gelände. Leider waren die Jungs aber auch so ziemlich die Einzigen, die sich zu diesem Zeitpunkt auf dem “Main-Event-Platz” tummelten.

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Der Knabe mit dem Mikrophon im Hintergrund sollte eigentlich ein Hyundai-Sponsor-Event anpreisen. Weil aber überhaupt nichts los war, kommentierte er minutenlang unser Kicker-Match quer über die gesamte Fanzone.

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Ein Vorteil einer leergefegten Stadt ist natürlich, dass die Sponsoren geradezu um die wenigen Fans buhlen. Kickern bei Hyundai, ein Fotoshooting bei Mastercard, ein paar Gratis-Fanartikel von Coca-Cola, Sonderangebote bei den fliegenden Händlern – wir hatten am Mittwoch die Qual der Wahl.

Auf unserem Weg nach Klagenfurt hatten wir kurz am Wörthersee, an der Kirche von Maria Wörth, Station gemacht und zufällig die Mitarbeiter des Schalker Fanprojekts rund um Bodo Berg getroffen, die für “Football against Racism in Europe (FARE)” unterwegs sind und beim Public-Viewig auf dem Messegelände (insgesamt gibt es in Klagenfurt drei große Public-Viewing-Gelände) ein Street-Kick-Turnier veranstalten. Auch die Schalker Delegation beklagte sich über mangelnden Fanzuspruch und berichtete uns davon, dass am Dienstag vielleicht 20 Fans auf dem Messegelände vorbeigeschaut haben.

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In Maria Wörth, im Schatten der berühmten Seekirche “St. Primus, trafen wir zufällig die Mitarbeiter des Schalker Fanprojekts.

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Nachdem wir das erste Spiel des Tages zwischen Portugal und Tschechien in einer kleinen Kneipe in Klagenfurt gesehen hatten, beschlossen wir, die Pause zwischen den Spielen zu nutzen und ein paar Kilometer zu machen. Wir landeten schließlich in Velden am Wörthersee und schauten im Nobel-Ferienort die unglückliche Schweizer Niederage gegen die Türkei. Mit den gesammelten Eindrücken des Tages und der Erkenntnis, dass bei der Euro in Kärnten leider richtig Geld verbrannt wird, weil alles zu perfekt und zu groß organisiert wurde um sich außerhalb von Klagenfurt-Spieltagen rentieren zu können, ging es schließlich wieder nach Hause.

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