Fohlen-Förderung (Bericht und Bilder aus Gladbach)

22. Feb. 2011 | 5 Kommentare

Normalerweise ist mein Zorn auf die Spieler des FC Schalke 04 schon am Tag nach einer Niederlage weitestgehend verraucht. Dass es diesmal nicht so sein wird, war mir gestern bereits klar. Deshalb bat ich Bene, der festes Mitglied unserer kleinen Auswärtsspiel-Reisegruppe ist, seine Eindrücke von unserem Trip nach Gladbach niederzuschreiben. Es folgt nun also ein Gastbeitrag mit (Schnapp)schüssen aus der Hüfte von Bene und mir. Die nachfolgend gezeigten Fotos liegen bei Flickr und lassen sich per Mausklick in hoher Auflösung betrachten.

3250 Kilometer stehen seit Sonntag auf dem Auswärtsfahrt-Tacho. Davon zwei Null-Eins-Siege und vier erbärmliche Veranstaltungen. Das Spiel gegen den Tabellenletzten aus Gladbach sollte sich zu der letzteren Rubrik gesellen.
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Schalke Fanclub Monasteria

Marek und Bene – noch gut gelaunt – bei der Abfahrt vom HBF Münster.
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Irgendwie war mir das schon nach dem beinahe überzeugenden Auftritt in Valencia klar, aber als ich die Karten bestellte, habe ich nicht darauf geachtet, dass das Spiel am Wochenende nach einem Auftritt in der Königsklasse stattfinden würde… Trotz dieses schlechten Omens machten wir uns Sonntagmittag gut gelaunt in Münster auf den Weg zum Borussia-Park. Aufgrund der diesmal recht überschaubaren Strecke, entschieden wir uns dazu, den öffentlichen Personennahverkehr zu nutzen, also ging es per Zug von MS nach Düsseldorf und von dort weiter zum Bahnhof Rheydt.
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Ankunft in Düsseldorf. Die blau-weiße Meute strömt in die Bahnhofshalle. Essen und Trinken fassen bevor es in einer halben Stunde weiter geht.

Ab dem Rheydter Hbf. wurden Shuttle-Busse eingesetzt um die Gästefans die knapp zehn Kilometer zum Stadion zu transportieren und direkt am Gästeeingang abzuladen. Die Busstrecke zieht sich von Rheydt circa 20-25 Minuten erst durch Wohngebiete und dann durch beschauliches Ackerland, bis man den im Nordpark strategisch an der A61-Ausfahrt Holt gelegenen Borussia-Park erreicht, für dessen Errichtung man ein ehemaliges Gelände der britischen Rheinarmee nutzte. Natürlich ist schon die Verkehrssituation nun kein Vergleich mehr mit dem mitten im Wohngebiet liegenden Bökelbergstadion, das bis 2004 die Heimstatt der Fohlen-Elf bildete. Während sich der alte Bökelberg übrigens im Besitz der Stadt Mönchengladbach befand, gehört der Borussia-Park dem Verein Borussia Mönchengladbach.
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Ankunft in Rheydt. Hier warteten bereits die Shuttelbusse. Alles in allem ist die Anreise für Gästefans in Mönchengladbach sehr gut organisiert.
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Danach fährt man mit den Shuttlebussen gut 20 Minuten über das platte Land und landet – tada! – auf dem platten Land. Nur dass irgendjemand hier ein Stadion hingebaut hat...

Interessant ist in Gladbach, dass dieser Gästeeingang nicht abgetrennt ist von den anderen Eingängen. Das heißt, um das Stadion können alle Fans gemischt herumlaufen und sich jederzeit begegnen. Ich vermute, dass liegt auch an der Selbsteinschätzung von Borussia Mönchengladbach, dass es wenig Leute gibt, die diesen Traditionsverein so unsympathisch finden, dass man mit großer Randale zwischen den Fangruppen rechnen muss. Allerdings habe ich bei unserem letztjährigen und ähnlich „erfolgreichen“ Aufritt mit ein paar Fans der Borussia über eben diese Situation gesprochen und auch mal verwundert nachgefragt, wie denn diese fehlende Trennung der Fans beim Derby gegen die verhassten Kölner funktioniert. Die wenig überraschende Antwort war, dass es rund ums Stadion zu diversen Prügeleien kommt. Ob es diesbezüglich nach den mir kolportierten Erfahrungen zu Änderungen gekommen ist, entzieht sich meiner Kenntnis.
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Warten, warten – im Gänsemarsch geht es in Richtung Borussia-Park.

Das Stadion ist eine moderne Arena; manchmal bin ich schon etwas enttäuscht oder auch gelangweilt, weil sich nun jeder Verein einen solchen Fußball-Tempel aus Fertigbetonteilen hinstellt. Da kann man nun denken, ein Schalker beschwert sich über ein neues „Arena-Stadion“, irgendwie komisch. Aber, egal, nennt mich Nostalgiker, die alten Stadien hatten einfach mehr Charme. Am Mainzer Bruchweg scheppert das Wellblech der Treppenhäuser mit dem blechernen Klang der aufblasbaren Klatschrohre um die Wette, im Parkstadion war jedes Spiel bei Regen und / oder Sturm Grund, die nächste Woche mit Grippe krank zu feiern und in Bielefeld muss man sich vor jedem Spiel erst mal über den gerne von Pfützen übersäten Schlackeplatz der Bezirkssportanlage kämpfen. Kein Parkplatz hinter der Autobahnausfahrt, keine in bunten Neonfarben in die Nacht leuchtende Arena. Aber zurück zum Thema.
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Stadion-Panorama (Gästeeingang).
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Russia-Park! Zu weit gefahren…?

Der Borussia-Park sieht von außen nach Betonschüssel mit Spinnenbeinen aus, dies liegt aber daran, dann man bisher auf die schalkeähnliche Glasverkleidung verzichtet hat; auch so waren schon knapp 90 Millionen Euro für den Bau aufzubringen. Trotzdem habe ich für meinen Stehplatz nur 17,10€ (15,50€ plus SFCV-Gebühr) bezahlt. Keinen Zwanni für ´nen Steher, wie auf Schalke oder in Lüdenscheid! (Btw.: boykottieren die Schwatt-Gelben eigentlich auch ihr eigenes Stadion wegen der Preise…?)
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Vor dem Spiel haben wir uns an den erfreulicherweise recht leeren Kiosken erst mal mit Stadionwurst und einem Jever eingedeckt und dann schön im Stehplatz-Block mittig aufgestellt. Der Bierbecher war bedruckt mit Werbung für die „Fohlen-Förderung“; auch wenn Google mich bei diesem Begriff auf die Pferdezucht im Wurstener Land verweisen will, steckt wohl eher Gladbacher Jugendarbeit dahinter. Was Schalke aus der Fohlen-Förderung machen würde, erschloss sich mir noch nicht. Schließlich brandete doch im Schalke Block erstmal ein wenig Pyro-Krams auf und hüllte den Block in weiß-rötlichen Rauch, dessen Geruch mich an Silvester vor meiner Haustür erinnerte.
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Die königsblauen Helden laufen sich warm.
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Zum Glück stand der Wind günstig. In der Rauchschwade von Ultra-Pyro zu stehen macht keinen Spaß.

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Kurz danach brandete Jubel auf, eroberte sich Peer Kluge nach einem haarsträubenden (!) Fehler von Dante (!) die Kugel und schloss kaltschnäuzig zum Null zu Eins ab. Ausgelassener Jubel im Block, so hatte man sich das Spiel der Königsblauen gegen den zuhause sieglosen Tabellenletzten vorgestellt. Weiter geht’s, Jungs, schießt die „Elf vom Niederrhein“ in die Niederungen der zweiten Liga.
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Start nach Maß. Nach 90 Sekunden führt Schalke mit 1:0. Das wird ein Schützenfest – ganz sicher!
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Christoph Metzelder wird ausgeknockt und muss behandelt werden. Ein Knackpunkt des Spiels?

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Doch was dann passierte, ließ den Block erschauern, Schalke stellt nach 2, in Worten Zwei, Minuten das Fußballspielen komplett ein. Angriffswelle um Angriffswelle brandete nun aufs Schalker Tor und brach sich zunächst an Latte und Neuer. Doch Reus‘ fulminanter Schuß zappelte im Netz, ganz klar unhaltbar, der wär noch bei uns im Rang mit einer Geschwindigkeit angekommen, dass nichts zu halten gewesen wäre. An Unterstützung der Schalker sollte es weiter nicht mangeln. Der Block gab alles, die Mannschaft spielte weiter lethargisch-unkonzentriert und so kam es, wie es kommen musste. Als Arango gegen Uschi durchbrach, war mir schon klar: die Flanke wird zum Tor. Idrissou hatte ja viel geübt auf der PS3, setzte sich bullig gegen den angeschlagenen Metzelder durch und köpfte das 2:1 für die Gladbacher. Schock. Ungläubigkeit. Ärger. Anfeuerung. Langsam kneisterte ich auch, was mit der Fohlen-Förderung gemeint war.
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Das Spiel ist längst in Richtung der Gastgeber gekippt. Eckball für Gladbach. Und wieder wird es kurz darauf lichterloh im Schalker Strafraum brennen.

Die einzigen Schalker, die nach der Pause noch Leistung zeigten und sich aufbäumten, waren auf der Tribüne. Wieso machen wir eigentlich immer weiter, wieso ist uns auf den Rängen der Gegner egal, wieso fahren wir dem Team Tausende von Kilometern hinterher und geben alles, um das Team anzufeuern? „Wir sind die Jungs ganz in Blau und Weiß – wir sind Schalke treu bis in den Tod!“ hallte es die letzte Viertelstunde durchgehend aus dem Schalker Block. Manche Spieler sind Schalke nicht mal treu bis zum Vertragsende. Es wäre mir sogar egal, wenn – ja wenn – sie bis zu ihrem Abschied Leistung zeigten, sich anstrengten, bis zum Umfallen, sich ein Beispiel an Señor Raúl nähmen, der mit 33 alles gewonnen hat, und ein neue Herausforderrung sucht und annimmt. Der sich trotz all seiner Meriten nicht in den Vordergrund stellen will, der die Fans ernst nimmt und wegen seiner Einstellung von den Fans geliebt und den Gegnern respektiert wird.
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Aus, aus, aus – das Spiel ist aus…
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Die Mannschaft wagt sich zaghaft vor den Block – wahrt aber doch einen gebührenden Sicherheitsabstand.

Nach dem Spiel hatte die Mannschaft zumindest die Größe, sich vor dem Block zu zeigen. So laute „Magath raus“-Rufe hatte ich bisher nicht vernommen, auch nicht in Kaiserslautern. Nein, ich habe nicht eingestimmt. Weil ich nicht weiß, was danach kommen würde, was sich dadurch ändern würde. Ob die Mannschaft durch Magath gelähmt wird, oder durch die eigenen Ansprüche der Spieler, die nicht für den Abstiegskampf geschaffen sind. Ich denke an Bremen, die ich tags zuvor auf Sky gesehen habe. Die ebenfalls nicht für den Abstiegskampf gemacht sind und wo die Spieler auch den Ernst der Lage einfach nicht verstehen, aber die zum Glück noch hinter uns stehen. Ich denke an Wolfsburg, die erst nach Magath richtig abgeschmiert sind. Andere Teams mit gutem Trainer hinter uns, andere Mannschaft post Magath hinter uns – also Magath raus würde nicht helfen. Also liegt es an den Spielern?

Ich frage mich, warum man gegen Mönchengladbach nicht spielen kann wie gegen Valencia, Lyon oder Bayern. Liegt es am fehlenden Reiz der Gegner? Kann man sich in solchen Spielen nicht für „bessere Angebote“ empfehlen? Ich möchte doch ein paar Spielern mal eines sagen: wenn man in Spielen gegen „schlechtere“ Gegner keine Leistung bringt, macht man sich bei „guten“ Vereinen nicht beliebt. „Gute“ Vereine gibt es wenige, und sie spielen häufig gegen „Schlechtere“. Was soll ein „guter“ Verein also mit einem Spieler, der sich nur in den paar Topspielen anstrengt? Was soll ich mit einem Spieler, der vier Millionen Gehalt will, aber nur gegen vier Gegner eine Leistung abruft, die sein Gehalt annähernd rechtfertigt?

Niemand bricht den Stab über den Jungs auf dem Platz, wenn sie verlieren. Es kommt nur auf die Art und Weise an. Wir Fans sind sehr wohl in der Lage, zu sehen, wenn der Gegner einfach besser war. Aber auch zu sehen, ob die Mannschaft es überhaupt versucht hat. Ich habe es oft erlebt, dass das Team in der Arena oder Auswärts nach einer Niederlage oder einem Unentschieden lauter, euphorischer und ehrlicher gefeiert wurde als nach einem Sieg. Beim Gedanken an das Spiel gegen den AC Mailand und die Stimmung dabei und danach zum Beispiel bekomme ich noch heute eine Gänsehaut am ganzen Körper.

Nach dem 5:0 in Lautern war ich fassungslos, fühlte mich wie gelähmt und stand dann eine Weile im Block so nah es ging am Spielfeldrand und schaute der Mannschaft beim Auslaufen zu. Als sie in meiner Nähe war schrie ich: „Es ist nicht schlimm, wenn ihr verliert, die Frage ist nur wie!“ und verließ den Block. Ich weiß nicht, ob sie mich gehört oder gar verstanden haben. Allerdings vermute ich nicht. Gestern verließen wir zügig Block und Stadion. Wieder konsterniert. Wieder nicht einmal wütend, sondern einfach nur enttäuscht. Nur diesmal kommentarlos.

Das einzig Positive gestern war vielleicht die Fohlen-Förderung: wenn wir schon die drei Punkte am Niederrhein lassen, so hoffe ich, dass die Gladbacher wenigstens etwas draus machen und sie als Grundstein zum Klassenerhalt nutzen. Lieber einen Traditionsverein mit Historie und gelebter Fanschaft in der Liga als irgendwelche Werksclubs.

Das schlimme (oder schöne) ist: beim nächsten Spiel bin ich wieder da. Einmal Schalker, immer Schalker. So geht es den Meisten bei uns. Und das wissen auch die Entscheidungsträger beim S04. Glück auf!

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5 Kommentare zu “Fohlen-Förderung (Bericht und Bilder aus Gladbach)”

  1. Marcel04am 22. Februar 2011 um 18:00 1

    Um mal etwas positives in Verbindung mit S 04 in diesen Tagen zu posten: Vielen Dank für den youtube-link. Ist das schon 6 Jahre her? Wahnsinn, selbst bei diesem zu Tode komprimierten Video lässt sich der Kampfgeist auf dem Platz und die Stimmung auf den Rängen erkennen.

  2. holzboy2008am 22. Februar 2011 um 18:49 2

    Genau das ist es , das wie , 90 min 10 mal am Ball ,wie kann man da NACHTS schlafen ?. Eben GAR NICHT ,es wird TAGS geschlafen.

  3. Beneam 22. Februar 2011 um 20:50 3

    @marcel04: Dazu noch kommentiert von Werner Hansch. Herrlich!
    Ein Grund, warum dieses Spiel zu denen gehört, die ich nie vergessen werde, ist auch, dass ich in N3 direkt hinter dem Tor stand und der Kullerball zum 0:1 wie an der Schnur gezogen genau auf mich zu kam. Der “Schuß” war eine gefühlte Ewigkeit unterwegs, und am ende eiert er doch in die Bude… und man steht da, so nah dran und kann doch nichts machen…

    Aber, bei aller Kritik (auch von mir), es wird wieder so werden! Da bin ich mir sicher. Nur nicht diese Saison in der Bundesliga…

  4. Marcel04am 22. Februar 2011 um 22:03 4

    @Bene: Ja der Werner, der hat noch Feuer gehabt! Mittlerweile gibt es Kommentatoren, die Prinz Valium alle Ehre machen würden. Da wird ein Tor mehr so beiläufig emotionslos erwähnt… aber Hauptsache das Sendereigene Gewinnspiel alle 10 Minuten mal erwähnen.
    Ich habe mir schon oft einen Kommentator gewünscht, wie die Spanier ihn zb haben – GOOOOOL! Das wärs!

  5. Beneam 22. Februar 2011 um 22:37 5

    Werner sagte einst:

    “Nürnberg spielte in der ersten Halbzeit wie eine Mischung aus Bratwurst und Lebkuchen.”

    Ich hoffe, das kann man auch Samstag nach dem Spiel sagen…

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