Selber essen macht fett

27. Jan. 2012 | 3 Kommentare

Bevor ich zum eigentlichen Thema komme, hier die bereits mehrfach eingeforderte Erklärung für den Grund, warum ich nicht bei Facebook bin. Denn es ist wirklich nicht so, dass ich Facebook für überflüssig, überladen oder böse halte. Ich fand einfach lange keine Zeit für diese Plattform. Als ich mich dann vor etwa eineinhalb Jahren tatsächlich anmelden wollte, füllte ich pflichtgemäß sämtliche Felder aus. Nun höre ich allerdings seit 37 Jahren auf den nicht alltäglichen aber auch nicht aus einem anderen Sonnensystem stammenden Familiennamen „in der Weide“. Und zwar in exakt dieser Schreibweise: drei Worte, „in“ klein, „der“ klein, „Weide“ groß. Nachdem ich also „Matthias in der Weide“ in die Facebook-Anmeldemaske eingegeben und auf „Absenden“ geklickt hatte, erhielt ich eine Fehlermeldung. Ganz offensichtlich – so warf mir die Meldung vor – wolle ich mich mit einem Fake-Namen registrieren. So etwas sei ein absolutes no-no, ich solle noch einmal in mich gehen und die Registrierung erneut starten.

Das tat ich dann auch. Am Ende der Prozedur erschien erneut die Meldung, dass Facebook kein Interesse an Fake-Accounts habe. Allerdings tauchte nun auch ein Button auf, der mir versprach, mich gegen den Vorwurf wehren zu können. Dieser führte mich zu einem weiteren Formular, das mich erneut darüber belehrte, wie existenziell wichtig es doch sei, alle Felder wahrheitsgemäß auszufüllen. Schließlich durfte ich meine Mailadresse hinterlassen und wartete.


Einen Tag später fand ich in meiner Mailbox eine Nachricht. Diese enthielt neben der mir bereits bekannten Belehrung, dass ich auf gar keinen Fall einen Fake-Account anlegen dürfe (weil sonst am Nordpol Robben mit noch viel süßeren Robbenbabys erschlagen werden, oder so), auch einen Link zu einem weiteren Formular. Dort gab ich zum dritten Mal meinen Namen ein und folgte der Anweisung, mindestens drei Internetseiten zu benennen, auf der ich namentlich erwähnt werde. Ich tat, wie mir befohlen wurde, klickte auf „Absenden“, erhielt die Meldung, dass sich ein echter Mensch meines Falles annehmen wird, und wartete. Und wartete. Und wartete. Und vergaß allmählich, dass ich mich bei Facebook registrieren wollte.

Etwa drei Wochen später wurde ich wieder daran erinnert. Da flatterte mir eine Nachricht ins Postfach, die Großes verhieß: „Hallo Matthias! Dein Name wurde geprüft und freigeschaltet. Du kannst dich jetzt bei Facebook registrieren und mit deinen Freunden in Kontakt treten!“

Neugierig besuchte ich die Facebook-Webseite und startete einen Registrierungsvorgang. Im ersten Versuch nannte ich mich „Matthias Werdasliestistdoof“. Keine Beanstandung. Es folgten Versuche mit diversen Promi-Namen, Namen aus der Bibel, der Menschheitsgeschichte und so weiter. Jedes Mal winkte mich Facebook durch und ich hätte lediglich auf „Registrieren“ klicken müssen, um als „Johannes Dertäufer“, „Alexander Dergroße“ oder „Timo Beil“ mitmachen zu dürfen.

Allerspätestens da hatte ich keine Lust mehr. Ich bin Facebook nicht böse, aber ich möchte bei keinem Dienst mitmachen, der Scherznamen anstandslos akzeptiert, meinen echten Namen aber erst nach Wochen freigibt. Das ist auch schon die ganze Geschichte zu mir und meiner Facebook-Abstinenz.

Nichtsdestotrotz weiß ich natürlich, was auf Facebook passiert und schaue auch immer mal wieder beim offiziellen S04-Account vorbei. Dieser ist seit ein paar Monaten in der Hand des Vereins, nachdem der gebürtige Halterner Raphael Brinkert ihn aufgebaut, betreut, zu einer beachtlichen Größe geführt und an den Verein übergeben hatte. Der FC Schalke 04 – der sich zuvor anhören musste, im Bereich Social-Media bitter zu versagen – war plötzlich die dicke Nummer im Geschäft. Damit könnte auch diese Story eigentlich enden.

Doch nun geht ausgerechnet eine Fußball-AG aus München den entgegengesetzten Weg. Unter dem Arbeitstitel „myFCB“ planen die Bayern ein eigenes Online-Portal und den schrittweisen Rückzug aus Facebook. Im Interview mit der „tz“ sagt FCB-Online-Chef Stefan Mennerich über das Projekt:

Es hat viele Funktionalitäten, die Facebook ähnlich sind. (…) Dann ist es möglich, seine eigene Freundesliste zu erstellen (…) eben alles, was man von Social-Media-Plattformen kennt. (…) Sie [die Facebook-Community] wird in der neuen aufgehen. (…) Die bisherigen Foren werden herübertransportiert.

Mennerich lässt im Verlauf des Gespräches keinen Zweifel daran, dass es ihm darum geht, die informelle Hoheit über die eigenen Anhänger zurückzugewinnen.

[Die neue Plattform] kann uns Wissen bringen über unsere Fans. Wer hat welche Interessen? Unsere Newsletter werden segmentiert, nach Mann, Frau, jung, alt, Südkurve, Business-Seat usw.

Auf die Frage, ob der FC Bayern mit seinem Portal plane, Personendaten zu sammeln, antwortet er:

Natürlich. Aber es ist viel, viel besser, dass sie von uns gesammelt werden, als von Facebook.

Die Aussagen von Mennerich auf einen kurzen Nenner gebracht: Selber essen macht fett! Warum sollte sich ein Verein, der bundesweit mehr als eine Millionen Menschen emotionalisiert und mobilisiert, von einem US-amerikanischen Unternehmen abhängig machen? Warum soll man aktiv dazu beitragen, dass eigene Fans Daten einem Dritten preisgeben, wenn man die Daten auch exklusiv horten und nutzen kann?

Genau diesen Standpunkt vertrat Schalke 04 in seiner Prä-FB-Phase und wurde dafür (internet-)medial wie die Sau durch’s Dorf getrieben. Dabei fand ich schon damals die Grundidee hinter den – allerdings sehr ungeschickten – Worten des damaligen Mediendirektors Rolf Dittrich nicht ganz dumm, sagte er im viel kritisierten Interview mit dem Medienhandbuch Sport doch:

Durch Facebook ziehe ich ja auch Leute weg von meiner Homepage.

Wie so vieles war das, was Dittrich in dem Interview sagte, großes Bullshit-Bingo und natürlich sorgt eine Facebook-Präsenz im Gegenteil sogar für zusätzlichen Traffic, wie selbst ich feststelle, wenn aus dem offiziellen S04-Account auf schalkefan.de verlinkt wird. Ersetzt man aber „die Leute“ durch „die Sponsoren und potenzielle Werbepartner“ wirkt Dittrichs Aussage auf einmal nicht mehr so infantil. Aus Sicht des Vereins ist es sicherlich sinnvoller, wenn diese ihr Geld einer vereinseigenen Plattform geben und nicht an Facebook überweisen, um die Fans mit Werbeaktionen zu erreichen (inklusive eines großen Streuverlustes). Oder sehe ich das völlig falsch?

Ich bin weder Bayern-Fan, potenzieller „myFCB“-User noch – aus beschriebenen Gründen – bei Facebook aktiv. Erst Recht bin ich kein Social-Media-Experte, der aus dem Stegreif eine umfassende Bewertung vornehmen muss. Das alles versetzt mich in die Lage, das Experiment der Münchener völlig wertneutral zu beobachten. Es ist – vor allem wenn man die vollmundig von Stefan Mennerich formulierten Ziele als Maßstab nimmt – ein mutiges Projekt. Ob es für die Liga wegweisend sein wird, muss die Zeit zeigen.

Nachtrag: Es ist wie so oft, wenn man als Blogger einen Blogpost auf Vorrat produziert: Die Aktualität holt einen irgendwie immer ein. In diesem Fall handelt es sich darum, dass der FC Bayern seine Facebook-Aktivitäten im Gegensatz zu den Aussagen im zehn Tage alten tz-Interview sogar noch intensiviert hat. Allerdings nicht sonderlich glücklich. Über das gestrige „Vorfällchen“ beim FC Bayern informiert der „Bayerische Rundfunk“ . Bei Blogundweiss.de nimmt der im Vergleich zu mir in Social-Media-Dingen weitaus kompetentere Tobi eine herrlich unaufgeregte Bewertung des „Shitstorms“ vor.

Abgelegt unter Fußball allgemein,Schalke

3 Kommentare zu “Selber essen macht fett”

  1. Diego_04am 27. Januar 2012 um 07:49 1

    Ich möchte mal ganz vorsichtig sagen, wir finden das prima, wenn sich unsere Schuldner mir ihrem neuen Motorrad oder ihrer Briefmarkensammlung bei Facebook präsentieren. Wenn man dazu bedenkt, dass ein gewisser Peter Thiel nicht nur hinter FB steht, sondern auch noch über die Daten von PayPal verfügt, kann man die Datenfülle bedenklich nennen. Auch wenn die Bedrohung „nur“ virtuell ist und auch über Griechenland weiter die Sonne scheint, meine ich für private Nutzer: Finger weg!

  2. TobiTatzeam 27. Januar 2012 um 08:06 2

    Ich glaube, dass sich der FC Bayern gar nicht aus Facebook zurückziehen kann und wird. Es sei denn, man möchte knapp zwei Millionen „Kunden“ verlieren.
    Ein eigenes Portal ist schön und gut, aber in Zeiten, wo lokale und themenbezogene Soziale Netzwerke reihenweise von Facebook gefressen werden, ist dieser Schritt mutig.
    Für die Bundesligavereine ist Facebook eine wunderbare Gelegenheit neue Fans/Kunden/Mitglieder zu generieren. Hier sind die Bayern übrigens so erfolgreich, weil sie sich dabei konsequent auf den internationalen Markt konzentrieren. Im Gegensatz zu anderen Vereinen, die regelmäßig international vertreten sind.
    Was die Sponsoren angeht, so würde ich sogar behaupten, dass die Werbeaktionen auf Facebook sogar noch wertvoller sind, weil sie auch noch andere Personen, also die Freunde der Fans erreichen. Dies wäre in einem abgeschlossenen System nicht möglich.
    Mehr später!

  3. Carlito69am 28. Januar 2012 um 13:40 3

    Ist ja mal echt der Knaller mit Deiner Registrierungsgeschichte bei FB… Unglaublich…