Ein Fußballspiel als Jahrmarkt-Attraktion

21. Jan. 2013 | 6 Kommentare

5:4 – was für ein Spektakel! Der neutrale Beobachter in einem der rund 200 zugeschalteten Länder bekam am Freitag einiges geboten. Werbung für die Bundesliga? Vielleicht. Ein Desaster für jeden Analytiker, für den das Spiel nicht nur aus Toren besteht? Kann schon sein. Schalke gewinnt mit 5:4 gegen Hannover. Drei Punkte nach einer unendlich erscheinenden Phase ohne Sieg – das ist gut. Vier Gegentore innerhalb von 37 Minuten – das ist schlecht. Am Ende ist es trotz aller Mäkelei an Abwehrschwächen auf beiden Seiten dann aber auch nur ein Spiel gewesen, das einen verdienten Sieger fand. Trotz des Tohuwabohus nach dem Seitenwechsel war Schalke die bessere Mannschaft. Ein sauber herausgespieltes 1:0 oder 2:1 würde mir zwar ein sichereres Gefühl für die kommenden Aufgaben geben. Aber ich weiß auch, wie ich so ein 5:4 nehmen kann: Als Ausnahme, aus der man keine Regel ableiten darf.

45 Minuten lang war es am Freitag ein normales Spiel. Beide Mannschaften standen konzentriert in der Abwehr ohne das Spiel nach vorne komplett zu vernachlässigen. Schalke begann stürmisch und brannte in den ersten Minuten ein Feuerwerk ab. Immer wieder war es Jefferson Farfán, der das Geschehen ankurbelte und zeigte, dass er auch in der Rückrunde Lust auf Kicken hat. Als Bereicherung stellte sich auch Marco Höger heraus, der nach längerer Verletzungspause für mächtig Wirbel im Mittelfeld sorgte. Leider erlosch das Feuerwerk jedoch nach zehn Minuten jäh. In der Folgezeit wurde es ein bestenfalls bemühtes Spiel ohne größere Höhepunkte. Von Lewis Holtby und Julian Draxler – zwei Akteure, die in der zweiten Halbzeit das Offensivspiel prägen sollten – war da noch recht wenig zu sehen.

Eher zufällig fiel dann auch das 1:0 durch – natürlich – Farfán, dessen fünfter Saisontreffer gleichzeitig der fünfte Führungstreffer in 2012/2013 war. Ein langer Einwurf in den Strafraum von Fuchs wird von Hannovers Eggimann unglücklich verlängert, Farfán steht richtig aus staubt aus spitzem Winkel ab. Es hatte sich zuvor angedeutet, dass eine Standardsituation helfen muss, um den ersten Treffer des Tages zu markieren.


Doch dann diese zweite Halbzeit! Schalke spielt sehenswertes Pressing im Mittelfeld (übrigens nicht nur in dieser Szene!) und erobert den Ball. Holtby startet durch und legt klug quer auf Draxler – 2:0. Nur fünf Minuten nach der komfortablen Führung fälscht der nicht nur in dieser Szene unglücklich agierende Neustädter einen Allerweltsschuss von Pinto unhaltbar ab – 2:1. Schalke will sich schütteln und neu sortieren, da steht es auch schon 2:2, weil Huszti nach guter Vorarbeit von Chahed gegen den hilflosen Fuchs die Konfusion in der Schalker Abwehr ausnutzt. Sieben Minuten später haben Höger (toller Doppelpass mit Holtby) und Marica (in Szene gesetzt durch Neustädter) den Zwei-Tore-Abstand wieder hergestellt. Doch nicht ganz eine Minute nach dem 4:2 lässt sich Fuchs erneut äußerst naiv von Chahed austanzen – Huszti mit dem 4:3. Zwischen der 49. und der 68. Minute landete wirklich jeder Schuss im Tor.

Jens Keller reagierte klug und brachte mit Kolasinac für Höger eine defensive Absicherung für den labilen Fuchs. Kolasinac stellte alsdann Chahed zumeist schon an der Mittellinie und hinderte ihn so an den gefährlichen Flankenläufen, die dem 2:2 und dem 4:3 vorausgingen. Kurz darauf ersetzte Keller auch Draxler durch Barnetta und richtete nach den verrückten 20 Minuten das Spiel generell defensiver aus. Es war die richtige Entscheidung. Schalke gelang es das Geschehen zu beruhigen und erzielte in der Schlussminute sogar noch das 5:3 nach einem Konter über Farfán und Holtby, der seine gute Leistung in der zweiten Halbzeit mit einem Tor krönte. Das 5:4 in der Nachspielzeit durch Diouf? Wirklich sehenswert – auch wenn für mein Empfinden (minimal) aus dem Abseits heraus erzielt – aber letztendlich nur ein wertloser Schlusspunkt einer merkwürdigen zweiten Hälfte.

Was nimmt man nun positiv und konstruktiv mit aus so einem Spiel? Lässt man die verrückten 20 Minuten außen vor sah ich ein Schalker Team, das den Gegner sehr effektiv bereits in dessen Hälfte attackierte und so im Mittelfeld zahlreiche Ballgewinne verzeichnen konnte. Ich sah einen Joel Matip, der langsam wieder zur gewohnten Sicherheit zurückfindet und vor allem einen Trainer, der durch seine Auswechslungen genau im richtigen Moment die richtigen Stellschrauben drehte. Und am Rest? Daran arbeiten wir dann in den nächsten Spielen. Vielleicht wird es Timo Hildebrand dann ja auch gelingen, seinen ersten Ball des Jahres 2013 nach zehn Gegentoren als frisch gekürte Nummer 1 zu halten.

Mehr zur verrückten Partie schreibt der verrückte „11Freunde-Ticker“.

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6 Kommentare zu “Ein Fußballspiel als Jahrmarkt-Attraktion”

  1. meinzuam 21. Januar 2013 um 10:04 1

    Was soll man von diesem Spiel halten oder welche Nuerung sieht man? Schwer, zu sagen wenn nicht sogar unmöglich. Wie du sagtest ein Spiel wie es nicht allzuhäufig vorkommt und auch bestimmt nicht zur Regel wird.
    Postiiv sah ich ebenfalls die Einwechselungen, Kolasinac vor die Verteidiger zu setzen (insb. Fuchs) war sicherlich mit spielentscheidend. Wer weiß wie oft die Fuchsseite sonst noch überlaufen worden wäre.
    Machen wir einen postiven Haken dran.

  2. [...] Schalkefan versucht irgendetwas Positives aus dem Spiel zu ziehen. Was nimmt man nun positiv und konstruktiv [...]

  3. eakus1904am 21. Januar 2013 um 14:31 3

    Ich fand es gar nicht so schwer,etwas positives aus dem Spiel mitzunehmen, auch wenn unsere Abwehr einem Hühnerhaufen glich und ich während der Partie um einige Jährchen gealtert bin!

    Sieg,drei Punkte,toll!

    Einfach mal wieder über etwas freuen in Bezug auf den FC Schalke 04! Gab ja in letzter Zeit nicht wirklich viel erfreuliches rund um unseren Club. War schön und wird auch hoffentlich immer schön bleiben!

  4. HanseKnappeam 21. Januar 2013 um 21:04 4

    Wäre es nicht stabilisierender gewesen Kolasinac gleich für Fuchs einzuwechseln? Höger hat meine Meinung nach recht gut gespielt die Eröffnung der 96er kam fast immer direkt über die Außen und nur selten durch die Mitte über die Sechs.
    Ich würde mir auch besonders wünschen das einer unserer Keeper endlich mal einen Ball hält. Ich kann mich an die letzte Parade schon gar nicht mehr erinnern und das leider Personenübergreifend.
    Aber das es drei sehr wichtige und ungemein unterhaltende Punkte waren steht außer Frage.

  5. Matthiasam 22. Januar 2013 um 00:38 5

    Höger baute in der zweiten Halbzeit ziemlich ab während Chahed richtig aufdrehte. Ein Wechsel von Fuchs gegen Kolasinac hätte das Loch auf der linken Seite nicht wirklich gestopft. Meine Meinung.

  6. HanseKnappeam 22. Januar 2013 um 07:48 6

    @Matthias Das scheint wohl auch die allgemein gültige Meinung der Fachjournalie zu sein. Wahrscheinlich habe ich das bei meinen ganzen Gefühlsschwankungen in der Arena nicht richtig eingeordnet. Defensiv macht mir der Fuchs schon lange Kummer, besonders wenn seine Gegenspieler mit Tempo kommen. Mit Affelay auf links fand ich das ein paar Spiele lang deutlich besser. Aber naja, der steht im Moment leider nicht zu Verfügung.

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