Drei Punkte als Balsam auf die geschundene Seele

13. Sep. 2009 | Keine Kommentare

Seien wir mal ehrlich: In den letzten Tagen war es nicht immer leicht, mit heißem Schalker Herzen die Medienlandschaft zu durchschreiten. Nach wie vor ist der Verein offensichtlich pleiter als der BVB. Nach wie vor ärgert man sich über unmotivierte Spieler, die sich nur allzu gerne in der Opferrolle sehen. Und nach wie vor gibt es anscheinend ein disziplinarisches Problem bei einzelnen Akteuren, das Felix Magath nicht in den Griff bekommt und deshalb – aus der Not eine Tugend machend – gutmenschlich toleriert. Und dann muss Schalke mit deutlich ausgedünntem Kader ausgerechnet in Köln antreten, wo man im letzten Jahr schon nicht gut aussah und wo das Blamagepotenzial angesichts des ernüchternden Saisonstarts der “Lu Lu Lu Lukas Podolski”-Jünger schier unendlich groß ist. Und dann? Schalke entführt in einem intensiven aber bei weitem nicht hochklassigen Spiel drei Punkte und schließt in der Tabelle wieder zur Spitzengruppe auf. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Auch da bin ich ehrlich.

Das Fehlen von Kevin Kuranyi (geschwächt nach Grippe), Jermaine Jones (zurecht noch geschont und wahrscheinlich noch länger verletzt), Rafinha (irgendwo im Nirgendwo) und Mineiro (Knie kaputt) konterte Felix Magath heute mit seinem ureigenen Running-Gag namens “Ich setzte genau die Spieler ein, mit denen wirklich keiner rechnet.” Heute waren es Gerald Asamoah und Levan Kobiashvili, deren Nominierung für ungläubiges Staunen sorgte. An Zambrano, Moritz und Kenia – heute ebenfalls wieder in der Startelf dabei – hat man sich ja bereits gewöhnt und insbesondere die beiden erstgenannten zahlen dem Trainager Woche für Woche das Vertrauen zurück. Dass aber auch Pliatsikas von Beginn an ran durfte (und nebenbei bemerkt ebenfalls überzeugte), bestätigt letztendlich aber Magaths Aussage direkt nach dem Schlusspfiff: “Heute hat sich die Mannschaft selbst aufgestellt.”

Magath führte dieses Argument entschuldigend für eine über weite Phasen nicht gerade berauschende Schalker Spielleistung an. Und er hatte vollkommen Recht damit, die drohenden Fragen in Richtung Spielkultur damit im Keim zu ersticken. Betrachtet man die Kader, die sich heute Nachmittag in Köln gegenüberstanden, war nicht Schalke der Favorit, sondern Köln. Auf der einen Seite Millionenstars wie Podolski, Maniche oder Petit, auf der anderen Seite junges Gemüse verstärkt durch ein paar durchaus schon sehr alte Hasen. Und natürlich Jefferson Farfán, der irgendwo dazwischen einzuordnen ist. Deshalb war es statthaft, dass Schalke heute spielte wie ein Underdog beim Spitzenreiter. Meint: Aus einer sicheren Abwehr heraus und notfalls auch mit langen Bällen.

Selten fiel es mir so schwer wie heute, ein Spiel wirklich zu beschreiben. Es ging turbulent los. Ein erster netter Angriff der Schalker führt zur ersten Ecke. Die erste Ecke führt zum Schalker Tor. Asamoah hatte nach dem Eckball von Levan Kenia das Luftduell gegen Kölns Brecko gewonnen und den Ball in den Fünfmeterraum zurückgelegt, Jefferson Farfán tauchte ab und wuchtete aus vielleicht drei Metern per Hechtsprung mit dem Kopf ein. Wow – was für ein Auftakt! Nur drei Minuten nach der Führung kehrt dann aber Ernüchterung ein. Der erste gescheite Angriff der Gastgeber über Geromel und Ehret setzt Podolski in Szene, der eine Unachtsamkeit von Bordon ausnutzt und freistehend aus zehn Metern zum Ausgleich einschießt. Ein wirklich feiner Spielzug des “Eff Zee”, der mit einem tollen Tor gekrönt wurde.

Und danach? Wer gehofft hatte, dass es ähnlich spektakulär weitergeht, sah sich getäuscht. Es entwickelte sich ein typisches 0:0-Spiel, nur dass zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Tore gefallen waren. Man sah viel Klein-Klein im Mittelfeld, viele bissig geführte Zweikämpfe, einen Gerald Asamoah der rackerte und fightete, wie man es gerne hat und einige Fouls und Nickeligkeiten, die zum Teil mit gelben Karten eines teilweise etwas übereifrig wirkenden Schiedsrichters garniert wurden. Dann war Halbzeit und wer sich nach der sechsten Spielminute versehentlich auf dem Klo eingeschlossen hatte und erst zur Pause befreit wurde, hatte wirklich nicht viel verpasst.

Die zweite Halbzeit begann dann allerdings wieder mit einem Paukenschlag. Beinahe vom Anstoßpunkt weg läuft der Ball wie am Schnürchen gezogen einmal diagonal über den Platz. Über Asamoah, Höwedes und Farfán gelangt die Kugel zu Kobiashvili, der allein in den Strafraum eindringt und aus kurzer Distanz sehenswert am herausstürzenden FC-Keeper Mondragon vorbei zur neuerlichen Führung einschießt. Ebenso wie das 1:1 der Kölner war auch dieser Angriff eine Szene, die ein Tor einfach verdient hatte. Und wieder war es ein Schalker Blitzstart, wie man ihn eigentlich nicht gewohnt ist.

Beinahe im Gegenzug schickt sich Köln allerdings an, direkt wieder auszugleichen. Podolski nutzt eine kurze Konfusion in der Schalker Defensive aus und zieht aus zehn Metern ab. Neuer ist bereits geschlagen, doch Bordon rettet auf der Linie. Glück gehabt!

Gut fünf Minuten später traut der geneigte Zuschauer dann seinen Augen nicht. Bei einem Konter wird Farfán von Petit im Kölner Strafraum derart gelegt, dass es selbst einen langjährig berufserfahrenen Regenwald-Holzfäller die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte. Und was macht Schiedsrichter Drees? Er entscheidet auf Abstoß! Dazu fällt mir echt nichts mehr ein.

Zum restlichen Spiel muss mir zum Glück allerdings auch nicht mehr viel einfallen. Köln drängte in der Folgezeit übermotiviert und teilweise reichlich ungeschickt, Schalke ließ die Konterchancen zwar aus, verwaltete angesichts des jungen Personals auf dem Feld aber dennoch erstaunlich abgezockt das Ergebnis und rettete die knappe Führung über die Ziellinie, unter anderem, weil Manuel Neuer in der 92. Minute noch einmal sehenswert gegen Novakovic parierte.

Drei weitere Punkte sind im Sack und vielleicht wird es morgen wieder etwas mehr Spaß machen, die Medienlandschaft zu durchstreifen. Schalkes Sieg in Köln wird sicherlich nicht alles wieder gut machen. Aber er macht ein wenig Mut für die weiteren Tage. Mehr zum Spiel schreibt der kicker und auch der “Kölner Stadt Anzeiger” sah einen nicht unverdienten Schalker Sieg.

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