Kein Sieg der Moral

26. Sep. 2010 | 8 Kommentare

In etwa zu diesem Zeitpunkt, in der die aktuelle Saison sich jetzt befindet, wurde auf Schalke in der vergangenen Spielzeit die “Moral der Mannschaft” geboren. Gegen Hamburg und Leverkusen lag man am 10. und 11. Spieltag mit 0:2 hinten, um dann durch eine großartige Aufholjagd doch noch ein Remis zu sichern. Das hatte es auf Schalke seit gefühlten Jahrhunderten nicht mehr gegeben, und deshalb sehe ich in diesen beiden Spielen die Geburtsstunde der fabulösen “Knappenkids”, die am Ende einen sensationellen zweiten Platz feiern konnten. Im weiteren Verlauf der Saison 2009/10 gelang das mit dem “Spiel drehen” zwar nicht mehr ganz so gut, dennoch hatte man als Beobachter auch bei Rückständen immer das Gefühl, dass da noch etwas geht. Dieses Gefühl ist mir in den bisherigen Spielen dieser Saison gründlich abhanden gekommen. Rückstand für Schalke war gleichbedeutend mit Niederlage für Schalke. Bis gestern.

Beim 2:2 gegen Mönchengladbach gab es einiges, was richtig gut war. Einen Spieler wie Jurado, der eine Ballbehandlung wie ein junger Gott hat und bereits jetzt ein gutes Auge für seine Mitspieler beweist, ist ein Augenschmaus! Angetrieben von diesem kleinen Wirbelwind spielte (!) Schalke den tief stehenden Gegner aus Mönchengladbach über nahezu 70 Minuten komplett an die Wand. Zwischen der 30. und der 40. Minute sowie ab der 60. Minute erspielte sich das Team Chancen im Minutentakt. Nicht immer waren es 100%ige, aber immerhin waren es Chancen. Gefallen hat mir auch, dass Klaas-Jan Huntelaar erneut seinen Torriecher bewies und im vierten Spiel seinen dritten Treffer erzielen konnte. Gefreut hat es mich für Raul, der endlich sein erstes Pflichtspieltor für Schalke beisteuerte, ein richtig schönes sogar! Vor allem aber bin ich auf den jungen Joel Matip stolz, der insbesondere in der zweiten Halbzeit der Dreh- und Angelpunkt im Schalker Spiel war und sich in dieser Form als unverzichtbar für die Stammelf erwiesen hat. Matip und Jurado haben das Zeug, ein Tandem zu bilden, das Schalkes Mittelfeld offensiv wie defensiv mehr Struktur und Stabilität geben wird.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Dass eine verunsicherte Mannschaft wie Mönchengladbach auf Schalke durch drei Angriffe mit 2:0 in Führung gehen kann, darf nicht passieren. Ebensowenig wie es passieren darf, dass Gladbach direkt nach dem späten Ausgleich die Chance, eine echte 100%ige, auf das 3:2 erhält. In der Abwehr knirscht und knackt es nach wie vor an allen Ecken. Warum Benni Höwedes, unbestritten Schalkes bester Innenverteidiger, in der ersten Halbzeit auf der rechten Außenposition verschwendet wurde, weiß wohl nur der Trainager. Beide Gegentore fielen dann auch noch über diese rechte Seite. Der Außenverteidiger Höwedes konnte nicht verhindern, was der Innenverteidiger Höwedes hätte ausbügeln können. Magath revidierte seinen kapitalen Fehler und brachte zur zweiten Halbzeit Uchida für Plestan. Höwedes durfte wieder ins Zentrum rücken, während der Japaner die Problemposition “hinten rechts” besetzte. Er machte es nicht schlechter als Höwedes.

Schattseitig war vor allem die Leistung von Jermaine Jones. Sein kämpferischer und läuferischer Einsatz ist unbestritten, doch er wirkte bis zu seiner Auswechslung wie ein Fremdkörper im sich gerade findenden Team. Ballbesitz Jones war gleich Ballverlust Schalke. Dass Jones mit Ivan Rakitic einen Mitspieler an seiner Seite hatte, der nicht einmal ansatzweise in der Lage war, an seine ordentliche Leistung gegen Freiburg anzuknüpfen, machte die Situation gestern im Schalker Mittelfeld nicht besser. Beide wurden ausgewechselt und bei beiden war die Entscheidung ohne wenn und aber richtig. Dass sich Jones nach seiner Auswechslung in die Schmollecke verzog und demonstrativ den Handschlag an der Bank verweigerte, lässt in mit den Verdacht aufkommen, er glaube immer noch, es ginge bei Schalke derzeit um Einzelschicksale und nicht um das große Ganze.

Mit dem 2:2 kann niemand ernsthaft zufrieden sein. Klar – die Aufholjagd war ein Sieg der Moral. Doch Schalke manövrierte sich höchstselbst in die Lage, die diese Aufholjagd erst notwendig machte. Man muss sich entscheiden: Lobt man die Moral, oder kritisiert man die Nachlässigkeit, deren Versäumnisse von der Moral ausbügelt werden mussten? Was ist denn jetzt das echte Schalke? Wo stehen wir?

Vielleicht wissen wir am Mittwochabend mehr.

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8 Kommentare zu “Kein Sieg der Moral”

  1. holzboy 04am 26. September 2010 um 16:07 1

    Einfach nur wunderbar beschrieben!!.Aber wo es hin geht weiß kein Mensch ,so schwankend sind die Leistungen der einzelnen Spieler, nicht nur bei Jones.Was ist mit Farfan?, einfach nur erschreckend gegenüber der letzten Saison.
    Trotzdem ein 0 : 2 umzubiegen wäre vor 3Wochen glaub ich nicht möglich gewesen.

    GLÜCK AUF !

  2. [...] Schalke erkämpft sich nach 0:2 Rückstand ein Unentschieden gegen Borussia Mönchengladbach. Ob man sich aufgrund der leidenschaftlichen Aufholjagd über ein Punktgewinn freuen sollte oder ob trotz spielerischer Überlegenheit zwei Punkte liegen gelassen wurden, wird auch andernorts diskutiert. [...]

  3. Carlitoam 26. September 2010 um 22:25 3

    “Warum Benni Höwedes, unbestritten Schalkes bester Innenverteidiger, in der ersten Halbzeit auf der rechten Außenposition verschwendet wurde, weiß wohl nur der Trainager.”

    Damit sich Plestan und Metzelder für Mittwoch in der IV einspielen können? Ok, ich gebe zu, dass es ein nicht glücklicher Schachzug Magaths war…

  4. Matthiasam 26. September 2010 um 22:38 4

    Die Idee mit dem “Einspielen für Mittwoch” hatte ich auch schon. Allerdings halte ich es für extrem suboptimal, zwei weitere Baustellen aufzumachen, nur um eine notdürftig zu schließen.

  5. derwahrebaresiam 27. September 2010 um 07:32 5

    wenn höwe “weiter so behandelt” wird, ist es spätestens zur neuen saison weg …

  6. Herr Wielandam 27. September 2010 um 10:20 6

    Benni Höwedes hat bislang jede “mögliche” Minute gespielt, wenn ich nicht irre. Und sowohl in Hamburg beim Gelb-Rot, als auch gestern beim verschuldeten Gegentreffer, aus freien Stücken und ohne zutun von Trainer oder Mitspieler Mist gebaut.

    Mittwoch muss die IV ohne ihn auskommen. Bislang haben alle anderen Rechtsverteidiger schlecht ausgesehen. Und Höwedes hat diese Position in der letzten Saison schonmal “unauffällig bewältigt”. Dass Magath so aufgestellt hat, kann ich nachvollziehen. Hinterher Besserwissen ist einfach.

  7. Matthiasam 27. September 2010 um 10:59 7

    Hinterher Besserwissen ist sogar richtig einfach. Aber wenn ich weiß, dass mein größtes Problem in der Abwehr liegt, dann versuche ich dieses Problem von Grund auf zu lösen. Benni Höwedes und Christoph Metzelder sollen nach Aussage von Magath das Fundament der Abwehr bilden. Also sollte die Zeit der Experimente wirklich vorbei sein, zumal sich Metzelder endlich zu stabilisieren scheint.
    Magath hatte mit Uchida noch einen Spieler auf der Bank, der ursprünglich mal für die rechte Seite vorgesehen war. In der zweiten Halbzeit brachte er ihn ja auch, womit selbst das Argument der gerade erst ausgestandenen Verletzung hinfällig wird. Warum soll sich Plestan auf einer Position einspielen können, während Uchida bzw. Moritz auf Rechts dieses Privileg nicht zugestanden wird?
    Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mit dem Gedanken “Die Bundesliga als Testobjekt für die CL” nicht anfreunden kann. In der derzeitigen Situation braucht Schalke einfach nur Siege und endlich mal ein Spiel zu Null. Ob in der CL, in der BuLi oder im Pokal ist mir ehrlich gesagt egal.
    Genau das meinte ich mit “zwei weitere Baustellen aufzumachen, nur um eine notdürftig zu schließen”.

  8. Michael N.am 29. September 2010 um 14:52 8

    Der Artikel ist ordentlich geschrieben.
    Ich gebe Felix Magath alle Zeit der Welt. Er ist der richtige Mann zur richtigen Zeit.
    Das diese Mannschaft sich finden muss, ist nicht von der Hand zu weisen. Ob alle das Gewünschte auf ihren Positionen in naher Zukunft bringen, werden wir sehen.
    In Kürze muss einfach einmal die Abwehr halten und dann stellen sich Siege ein und Selbstvertrauen wächst.

    Denkt bitte darüber nach. Bevor Felix Magath kam, stand Schalke vor einem Scherbenhaufen und ich hoffe, dass hier parallel hier weiter an dem Sanierungskonzept gearbeitet wird, damit wir kein zweites Do…… erleben.

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