Die kleine Geschichte vom unbekannten Fußballspiel

20. Mrz. 2013 | 9 Kommentare

Gaelic Football im Croke Park.

Letztendlich ist es nur ein Zufall, dass heutzutage der Fußball nach den 1863 verfassten Regeln der englischen Football Association (FA) als beliebtester Sport der Welt gilt. In Europa, Südamerika und Afrika ist er es sowieso, doch auch in Asien und Nordamerika hat „unser Fußball“ an Einfluss gewonnen. Sogar in den über Jahrzehnte hinweg fußballresistenten USA sinkt die Zahl der Totalverweigerer. Ein Zufall ist es deshalb, weil damals – in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – auf der britischen Insel keine große Einigkeit herrschte, wie das Spiel mit dem Ball auszusehen habe. Selbst die Form des Balles war heftigst umstritten: Kugel oder Ei?

Unter anderem an dieser Frage – vor allem aber am Streit darüber, ob der Ball während des Spiels mit der Hand geführt werden darf – scheiterte damals der Versuch, Fußballer und Rugbyspieler unter einen Hut zu bringen. Oder besser gesagt: sie unter einem Hut zu halten. Denn vor 1863 gab es eigentlich keinen Unterschied. Die Teams einigten sich stattdessen vor Ort auf eine Handvoll Regeln und legten los. Mit Gründung der Rugby Football Union im Jahr 1871 war die Spaltung in zwei eigenständige Sportarten jedoch endgültig vollzogen. Ein zurück war weder möglich noch erwünscht. Fußball oder Rugby – und gar nichts dazwischen. Oder?

Ende September 2005 besuchte ich mit zwei Freunden für ein paar Tage den Südwesten Irlands. Am 25. September waren wir unterwegs zu den berühmten Cliffs of Moher. Auf dem Rückweg kehrten wird in einen kleinen, verschlafenen Pub ein. So dachten wir zumindest. Doch als wir das Lokal betraten, war es gnadenlos überfüllt. Menschen aller Altersklassen – von der Oma im Rollstuhl bis zum Baby auf dem mütterlichen Arm – hatten sich in die Stube gedrängt und belagerten einen Fernseher. Jede Aktion der Akteure auf dem Bildschirm wurde von den Anwesenden mit entsetzten oder entzückten Rufen bedacht. Wir waren völlig unvorbereitet hineingeraten in das größte Sportereignis Irlands: das Finale der All-Ireland Senior Football Championship im Gaelic Football. Knapp 83.000 Menschen im Croke Pak von Dublin und einige Millionen Fans vor den TV-Geräten erlebten an diesem Nachmittag, wie das nordirische County Tyrone gegen das südwestirische County Kerry den Sam-Maguire-Cup errang. Ich müsste lügen wenn ich behauptete, dass ich nicht sofort völlig hin und weg war.

Runder Ball und rustikaler Körpereinsatz

Auf den Außenstehenden wirkt Gaelic Football wie der heimliche Sohn von Rugby und Fußball. Gespielt wird auf zwei Tore mit Tornetzen und Torhütern. Doch auch Schüsse über das Tor werden mit Punkten belohnt. Der runde Ball darf vom Spieler in der Hand gehalten werden. Will man jedoch einen Lauf starten, muss er abwechselnd alle vier Schritte auf den Boden und auf den eigenen Fuß geprellt werden. Geworfen werden darf der Ball nicht. Will man zum Mitspieler passen, baggert man ähnlich wie beim Volleyball, allerdings nur mit einer Hand. Liegt das Spielgerät auf dem Boden, spielt man entweder wie beim Fußball weiter, oder man lupft sich den Ball in die eigenen Hände. Sich zu bücken und das runde Leder aufzuheben ist jedoch untersagt. Rustikaler Körpereinsatz ist erlaubt, jedoch orientiert sich dieser eindeutig eher an den Regeln des Fußballs und hat mit den Rudelbildungen und Klammergriffen des Rugbys wenig zu tun.

Das alles klingt fürchterlich kompliziert, jedoch entwickelt sich daraus ein geradezu atemberaubend spektakuläres, wirklich wunderschönes Spiel. Wer weiß wie die Geschichte des Sports verlaufen wäre, hätten sich Fußballer und Rugbyspielerin den 1860er-Jahren auf diesen Kompromiss geeinigt. So aber blieb Gaelic Football, das unter dem Dach der 1884 gegründeten Gaelic Athletic Association (GAA) betrieben wird, ein irisches Phänomen und somit auch ein Alleinstellungsmerkmal.

In der Zeit der britischen Fremdherrschaft (bis 1921) war Gaelic Football auch ein Zeichen des Widerstands. Am 21. November 1920 kam es im Croke Park am Rande eines Spiels zwischen Dublin und Tipperary zu einem „Blutsonntag“. 14 Menschen starben, 65 wurden verletzt. Täter waren englische Polizisten, die in der aufgeheizten Stimmung die Kontrolle verloren hatten und wild um sich schossen. Auch deshalb entschied die GAA, dass niemals ein Fußball- oder Rugbyspiel nach den verhassten „englischen Regeln“ im Croke Park stattfinden dürfe. Von diesem Dogma löste sich der Verband jedoch 2007 und gestattete es erstmals der irischen Fußball-Nationalmannschaft ein Länderspiel im heiligen Stadion des Gaelic Football auszutragen.

Amateursport vor mehr als 80.000 Zuschauern

Der Wille, betont anders zu sein als die (englischen) Fußballer, ist bis heute eine Triebfeder des Gaelic Football. Obwohl das Finale regelmäßig ausverkauft ist und die GAA Millionen mit der Vermarktung des Meisterschaftsturniers umsetzt, sind die Spieler Amateure, die für eine Aufwandsentschädigung, ein paar persönliche Privilegien, vor allem aber für die Ehre zur Sache gehen. Gespielt nicht in Vereinen (zumindest nicht um die All-Ireland-Meisterschaft, auf lokaler Ebene schon), sondern in Countys. Jede dieser Provinzen stellt ein Team für das nationale Turnier im KO-System ab. Spielerwechsel sind verboten. Man kämpft für sein Heimat-County oder eben gar nicht. Mit den Einnahmen aus dem Sport werden größtenteils Projekte unterstützt, die sich dem Erhalt der gälisch-irischen Kultur widmen. Und nicht zuletzt verschlang auch der mehrmalige Um- und Ausbau des Croke Parks immer wieder große Summen.

Gaelic Football ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Sport politisch und Politik zu Sport werden kann. Im mittlerweile zur Gänze verteilten Markt der weltweiten Massensportarten fristet er ein Schattendasein, hauptsächlich beschränkt auf Irland. Das ist – betrachtet man die Geschichte, die hinter dem Sport steht – einerseits verständlich. Andererseits ist es aber auch echt schade, denn es gibt nicht viele Sportarten, die derart spektakulär, rasant aber immer noch auch für den Laien erkennbar geordnet und taktisch daherkommen.

Eine kompakte Regeleinführung in Form eines Videos gibt es bei Youtube. Wer es etwas ausführlicher mag, klickt besser hier. Ebenfalls bei Youtube findet man das komplette Finale der letztjährigen Meisterschaft zwischen den Countys Donegal und Mayo. Und wer von den Bildern angefixt noch mehr über Gaelic Football erfahren möchte, startet beim entsprechenden Wikipedia-Eintrag, folgt einfach den Links und Querverweisen und lässt sich in eine unbekannte Welt des Fußballspiels treiben.

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Foto: Der ausverkaufte Croke Park beim Meisterschaftsfinale 2004. (Quelle)

Abgelegt unter Fußball allgemein,Reisen bildet

9 Kommentare zu “Die kleine Geschichte vom unbekannten Fußballspiel”

  1. Johannesam 20. März 2013 um 09:07 1

    Danke für den schönen Artikel und die Hinweise. Sláinte!

  2. Stadioncheckam 20. März 2013 um 09:42 2

    Schöner Artikel. Wobei ich die zweite große GAA-Sportart Hurling noch nen Ticken interessanter finde. Allerdings hab ich mal mit einem Vertreter eben jenes Verbandes unterhalten und festgestellt, dass dieser den Iren oft attestierte “Wohlfühl-Nationalismus” (vgl. Medienberichte über irische Fußballfans) auch ziemlich hässliche Züge haben kann.

  3. [...] in der Weide (Schalkefan) erzählt die “kleine Geschichte vom unbekannten Fußballspiel”, das sich in Irland [...]

  4. Matthiasam 20. März 2013 um 11:04 4

    Hurling ist sicherlich mindestens genau so eine große Nummer in Irland. Allerdings hat dieses (ich nenne es mal so) “Rugby-Hockey” mit dem Fußball nicht viel gemeinsam. Mir persönlich ist es auch ein wenig zu hektisch. Als Laie kann ich keine große Taktik erkennen (was natürlich nicht heißt, dass es keine gibt). Es geht rasant 70 Meter hin und 70 Meter her und wenn man als Zuschauer den Ball ausnahmsweise mal sieht, stürzen sich alle Umstehenden einfach drauf.

    Gerade das aber finde ich am Gaelic Football so faszinierend, dass man als Außenstehender relativ schnell in das Regelwerk und die Spielidee reinkommt und einem Spiel folgen kann. Diese gewisse Einfachheit der Regeln war es ja auch, die dem heute bei uns so populären Fußball überhaupt erst zum Durchbruch verhalf.

  5. Daniel Ku.am 20. März 2013 um 12:54 5

    Echt toller Beitrag!

  6. Martin Schöttleram 20. März 2013 um 14:25 6

    Ich meine das Lokal war in Lisdoonvarna, einen Tag nach dem Matchmaking Festival – auch eine typisch irische, aber sehr lustige Erfindung. So ziemlich alle irischen Junggesellen strömen in die kleine beschauliche Stadt Lisdoonvarna, kaufen sich einen Hut und versuchen den Weg in das Eheglück zu finden. Die Farbe des Hutes signalisiert den Teilnehmern offensichtlich irgendetwas über Erfolg oder Misserfolg. So haben wir das zumindest gedeutet.

  7. Chrisam 21. März 2013 um 00:40 7

    Schöner Beitrag, vielen Dank. Und ein geiles Spiel im Video.
    Jermaine würde sich wohl fühlen

  8. Carlitoam 23. März 2013 um 12:09 8

    Klasse Bericht!

  9. Frank Huneckeam 29. März 2013 um 17:31 9

    Martin! Erst wenn die Dame sich einen ausgesucht hatte bekam sie einen Hut vom Mann geschenkt! Aber egal welchen Style der Hut hatte, es ging darum das eine Dame mit Hut für diesen Tag einen Lover hatte!

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